Einzugsgebiet

Wie weit die Kundschaft reicht

Zu wissen, ob sich die potenzielle Kundschaft aus den Bewohnern der umliegenden Straßenzüge, Stadtteile, Bezirke oder einer größeren Region zusammensetzt, ist für einen Einzelhändler wichtig, weil er erst dann das Umsatzpotenzial einschätzen und seine Marktbearbeitungsstrategie festlegen kann. Dafür muss er sein Einzugsgebiet genau abgrenzen.

1 Abgrenzungsstufen des Einzugsgebiets
Das Einzugsgebiet (oder der Einzugsbereich) eines Handelsbetriebes wird als räumlich begrenzter Bereich definiert, aus dem seine Kunden stammen. Man unterscheidet zwischen einem Kerneinzugsbereich, einem engeren und einem weiteren Einzugsgebiet.

Unter dem Kerneinzugsbereich ist jenes Gebiet zu verstehen, aus dem der überwiegende Teil der dort wohnenden Bevölkerung den Handelsbetrieb oder auch den Handelsstandort (= Aggregat, d.h. mehrere Betriebe an einem Standort oder ein Standortbereich wie Innenstadt, Gewerbegebiet, zentraler Ort) zur Versorgung aufsuchen. Dabei ist zu beachten, dass die Konsumenten sich in der Regel polyorientiert verhalten, d.h. zur Versorgung mit unterschiedlichen Bedarfsgütern unterschiedliche Einkaufsorte aufsuchen. Im engeren Einzugsgebiet sinkt dieser Anteil auf Werte von durchschnittlich 15 bis 45%. Personen aus dem weiteren Einzugsgebiet suchen den Handelsbetrieb oder ein Standortaggregat nur noch zu geringen Teilen auf (bis zu 10% der dortigen Einwohner). Grundsätzlich gilt, dass mit zunehmender Distanz zum Standort die Bereitschaft der Konsumenten sinkt, diesen zur Bedarfsdeckung aufzusuchen.

Das Beispiel eines GPK-Fachgeschäftes am Standort Mönchengladbach-Innenstadt veranschaulicht die verschiedenen Abgrenzungsstufen

Einzugsgebiet GPK-Fachgeschäft in Mönchengladbach

Kaufkraft im Einzugsgebiet

Resultierende Marktpotenziale im Einzugsgebiet


Einzugsgebiete von Städten bzw. einzelnen Handelseinrichtungen stellen keine statischen Größen dar, sondern unterliegen hinsichtlich ihrer Ausdehnung zeitlichen Wandlungen. Einzugsgebiete von Einkaufsstädten hängen von internen sowie externen Faktoren ab. Wesentliche Determinanten sind:

die zentralörtliche Bedeutung,

die Eigenattraktivität des städtischen Einzelhandels- und Dienstleistungsangebotes im Verhältnis zu konkurrierenden Einkaufsorten oder -zentren (Wettbewerbssituation),

das Bedarfsdeckungsintervall,
der vom Verbraucher akzeptierte Zeit- und Wegeaufwand zur Bedarfsdeckung,
Dimension, Angebot- und Betreiberstruktur, Marketing- und Managementpolitik einzelner Angebotsstandorte.

2 Reichweiten und Bedarfsfristigkeiten
Man benutzt im Zusammenhang mit der Analyse von Einzugsgebieten häufig auch den Begriff der Reichweite. Die Reichweite eines Handelsbetriebes hängt ab vom geführten Sortiment, der Größe des Hauses und dem Grad der Spezialisierung. Dabei gilt als Grundregel: Je größer der Betrieb und je mehr das angebotene Sortiment längerfristig und spezialisiert ausgerichtet ist, desto höher ist die Reichweite - das heißt: umso größer ist das Einzugsgebiet. Den Gegenpol dazu bilden kleinere Anbieter aus dem kurzfristigen Bedarfsbereich, zum Beispiel Kioske, die lediglich über ein sehr begrenztes, kleines Einzugsgebiet verfügen. Beeinflusst wird die Reichweite zudem durch die regionale Verteilung der Konkurrenz (Streuung oder Konzentration) mit vergleichbaren Angeboten.

Im Rahmen der Standortpolitik werden häufig auch Begriffe wie innere und äußere Reichweite genannt. Unter der inneren Reichweite versteht man jenes Einzugsgebiet, das zur Erreichung eines aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten notwendigen Mindestumsatzes erforderlich ist (Mindesteinzugsbereich). Auf der anderen Seite steht die äußere Reichweite für die maximale Ausdehnung des Einzugsbereiches, jenseits deren Grenze keine oder nur noch sporadisch Nachfrage nach dem Angebot des Handelsbetriebs oder des Handelsstandortes besteht. Demnach sollte jeder Handelsbetrieb bestrebt sein, die Distanz zwischen innerer und äußerer Reichweite zu maximieren.

Versucht man, Einzugsbereiche nach der Fristigkeit des angebotenen Bedarfs zu analysieren, sollte man grundsätzlich davon ausgehen, dass die Einzugsgebiete abhängig sind von

- der Größe und Art des Betriebes,
- der zentralörtlichen Funktion und Einwohnerzahl der Stadt, in dem sich der Standort befindet,
- von der Ausstattung umliegender Zentren mit vergleichbaren Angeboten.

Güter des kurzfristigen Bedarfs (Lebensmittel, Drogerieartikel, Schreibwaren, Blumen etc.) haben grundsätzlich ein sehr begrenztes Einzugsgebiet. In größeren Städten (mit mehr als 100.000 Einwohnern) besteht das Einzugsgebiet zumeist aus einem oder mehreren Stadtteilen. In Klein- und Mittelstädten Einwohner umfasst das Einzugsgebiet in der Regel - je nach Konkurrenzsituation mit zentralen Orten und Anbietern mit vergleichbaren Sortimenten - das Gemeindegebiet plus einiger umliegender Gemeindeteile.

Bei Gütern des mittelfristigen Bedarfs (Bekleidung, Schuhe, Hausrat, GPK, Spielwaren, Sportartikel etc.) erhöht sich die Reichweite des Einzugsgebietes entsprechend. Bei Mittel- und Oberzentren liegt die Reichweite für diese Sortimente üblicherweise bei einer Distanz von 15-50km. Sind einzelne Sortimentsteile an einem Standort stark konzentriert (zum Beispiel bei Factory Outlet Centern) oder handelt es sich um ein Oberzentrum wie Hamburg, München, Berlin oder Köln, sind auch Reichweiten in dieser Bedarfskategorie von 60-80km und mehr möglich.

Im langfristigen Bedarfsbereich (Möbel, Teppiche, Unterhaltungselektronik, Elektrohausgeräte, Foto, Uhren und Schmuck etc.) werden häufig Reichweiten von mehr als 100km erzielt. Die großen Möbelhäuser in Deutschland mit Verkaufsflächen von 40.000qm und mehr verfügen beispielsweise über Einzugsgebiete mit Reichweiten von 140km und mehr.

3 Verfahren zur Abgrenzung von Einzugsgebieten
Die Abgrenzung von Einzugsgebieten ist Voraussetzung, um für mögliche Standorte von Handelsbetrieben die potenzielle Kaufkraft zu berechnen, Umsätze zu prognostizieren (Standortpolitik) sowie die einzusetzenden Werbeträger bzw. mittel regional zu streuen (Absatzreichweite).

Bei der Abgrenzung muss unterschieden werden

- nach der Homogenität des Standortes (Einzelbetrieb / Aggregat),
- nach der Art der Umsatzerzielung (Eigenanziehung, Kopplungspotenzial, Laufkunden),
- in Kombination mit dem Warenangebot bzw. der Betriebsform (Grund- oder Zusatznutzen).
Zusätzlich ist zu berücksichtigen, in welcher Lage sich der Einzelbetrieb oder das Standortaggregat befindet, zum Beispiel Innenstadt oder Gewerbegebiet bzw. Grüne Wiese.

Für die Bestimmung der Einzugsgebietsgröße gibt es eine Vielzahl von „Modellen“, die Ansätze zur Beurteilung darüber liefern, wie attraktiv ein Standort grundsätzlich ist und ob der ermittelte Bereich aufgrund der betriebsindividuellen Flächenleistung und Produktivitätsfaktoren ausreichend für die Ansiedlung eines Handelsbetriebes ist. Die verschiedenen Arten der Abgrenzung reichen über einfache theoretische Verfahren wie die „Radiusmethode“ oder die „Zeit-Distanz-Methode“ (Isochronenmethode) bis hin zu komplexeren makroanalytische Verfahren wie den Gravitationsmodellen von „Reilly und Converse“ (deterministischer Ansatz) und „Huff“ sowie „Fickel“ und „Löffler/Klein“ (probabilistische Ansätze). In allen Gravitationsmodellen spielt der Aufwand der Distanzüberwindung vom Kundenwohnort zum Anbieterstandort eine zentrale Rolle.

Die Abhängigkeit der Kundenintensität von der Distanz ist aber nur noch in Teilen des Einzugsbereiches von großer Bedeutung. Unmittelbar benachbart verliert die Distanz ebenso an Wirkung wie am Rande des Einzugsbereiches. Hier treten im Gegensatz zu den Modellannahmen potenzielle Kunden auf, die in ihrer Orientierung nicht eindeutig festgelegt sind. Die genaue Beschreibung der Wirkungsweise der einzelnen Modelle sind den jeweiligen Fachveröffentlichungen (siehe Literaturhinweise) zu entnehmen.

Neben den genannten theoretischen Verfahren gibt es auch empirische Vorgehensweisen zur Bestimmung des Einzugsgebietes, so zum Beispiel durch Kundenbefragungen oder Auswertungen von Kundenkarten und Lieferungen mit Rechnung (zum Beispiel bei Möbelhäusern). Empirische Verfahren können jedoch ausschließlich bei bestehenden Betrieben/Standorten angewandt werden, bei Planungen sind theoretische Modelle als primär relevant anzusehen. Durch ihren erklärenden Ansatz können die theoretischen Modelle sowohl das Verhalten einzelner Subjekte (mikroanalytische Modelle) wie auch ganzer Gruppen (makroanalytische Modelle, zum Beispiel von Huff, Reilly/Converse etc.) erfassen.

4 Die Zeit-Distanz-Methode
Ein praxisbewährtes Verfahren zur Abgrenzung von Einzugsgebieten ist die Zeit-Distanz- oder Isochronen-Methode. Die Zeitdistanz wird als Wegezeit in Autominuten zwischen dem Zentrum einer Stadt (bzw. eines anderen Ausgangspunktes) und den Wohnorten der Verbraucher innerhalb des Einzugsbereichs gemessen. Durch Verbindung der Punkte jeweils gleicher Zeitentfernung erhält man Linien gleicher Zeit (Isochronen). Im Vergleich zu rein auf die Distanz abzielenden Abgrenzungsparametern (zum Beispiel Kilometerentfernungen) sind Isochronen zur Abgrenzung von Einzugsgebieten deutlich aussagekräftiger. Dies rührt daher, dass für die Verbraucher eher der benötigte Zeitaufwand zur Erreichung eines bestimmten Versorgungsortes als die Frage rein der Entfernung in Kilometern ausschlaggebend ist.

In der Praxis haben sich Abgrenzungen bewährt, die nach 5- oder 10-Minuten-Schritten - ausgehend zum Beispiel von der Innenstadt einer Kommune - ermittelt werden. Demzufolge können 5-, 10- oder 15-Minuten- bis hin zu 60-Minuten-Isochronen unterschieden werden. Welche der angeführten Isochronen für die Abgrenzung des Einzugsgebietes einer Kommune herangezogen werden kann, ist abhängig von einer Vielzahl von Faktoren, nicht zuletzt von der Raumstruktur und Wettbewerbssituation.

Folgende Orientierungshilfen können gegeben werden:

Unterzentren verfügen über die zunächst geringste zentralörtliche Bedeutung innerhalb des Systems der zentralen Orte. Demzufolge sind die Reichweiten des örtlichen Einzelhandels eher begrenzt. Nicht selten werden Versorgungstätigkeiten ausgeübt, die sich ausschließlich auf die Bevölkerung im eigenen Stadtgebiet erstrecken. Versorgungstätigkeiten für einen Umland-Bereich sind – je nach Raumstruktur – möglich, spielen jedoch in aller Regel eine nur untergeordnete Rolle. Demzufolge können häufig geringe Zeit-Wege-Distanzen, zum Beispiel die 5-oder 10-Minuten-Isochrone, als Richtschnur für Abgrenzungen des Einzugsbereichs herangezogen werden. Von diesen Isochronen wird häufig nur das eigene Ortsgebiet erfasst.
Für Mittelzentren sind häufig die 15-, 20- oder-25-Minuten-Isochrone taugliche Hilfsmittel zur Abgrenzung des Einzugsbereichs. Befinden sich Mittelzentren in direkter Nachbarschaft zu Oberzentren bzw. gleichrangigen Mittelzentren, so muss die Zeitdistanz meist enger gefasst werden.
Für Oberzentren sind häufig die Isochronen heranzuziehen, die eine Zeitdistanz von 40 bis 60 Minuten erfassen. Auch hier sind Abweichungen nach oben oder unten denkbar.


Ein grundsätzliches Problem bei dieser Methode ist die fehlende Berücksichtigung der Konkurrenz. Zwar kann die grundsätzliche Attraktivität des Betriebes oder des zentralen Ortes in diesem Modell berücksichtigt werden, doch fehlt eine entsprechende Berücksichtigung konkurrierender Anbieter bzw. Orte. Aus diesem Grund ist das Modell in verschiedene Intensitätszonen (zum Beispiel Kern, engeres Einzugsgebiet, weiteres Einzugsgebiet) einzuteilen, deren Kaufkraftabflüsse zu konkurrierenden Handelsbetrieben oder zentralen Orten zu berücksichtigen sind. Das heißt, je weiter potenzielle Konsumenten vom Standort des Anbieters entfernt wohnen und umso schwieriger die Erreichbarkeit dieses Standortes für den Konsumenten ist, desto höher ist die potenzielle Attraktivität näher gelegener und besser erreichbarer Einkaufsorte bei vergleichbarem Angebot. Für die Bewertung des Kaufkraftpotenzials im weiteren Einzugsbereich bedeutet dies, dass lediglich ein über die Konkurrenzsituation zentraler Orte und vorhandener Handelsbetriebe einzuschätzender Bruchteil der Kaufkraft für das eigene geplante Vorhaben berücksichtigt werden kann.

5 Zentrale Orte, zentralörtliche Funktionen, Stadt-Umland-Bereiche
Zentrale Orte stellen Konzentrationspunkte im Siedlungsnetz dar. Aufgrund ihrer Ausstattung mit Einrichtungen des Einzelhandels und warenbezogener Dienstleistungen erfüllen sie neben den Versorgungsaufgaben für die Einwohner der Gemeinde auch Versorgungsleistungen - vorwiegend des periodischen und aperiodischen Bedarfs - für Bevölkerungsteile ihres engeren und weiteren Umlandes.

Die Abgrenzung eines Einzugsgebietes eines zentralen Ortes erfolgt über die Bewertung der Ausstattung des Standortes mit zentralörtlichen Funktionen. Dies sind Funktionen, die über die Grenze des Ortes hinaus für ein Umland wirksam werden. So lassen sich unterschiedliche Stadt-Umland-Regionen ausweisen. Dabei ist die Stadt-Umland-Region (=Einzugsgebiet) eine aus Kern und Ergänzungsgebiet (engeres und weiteres Einzugsgebiet) bestehende, durch ein vielfältiges Beziehungsgeflecht (zum Beispiel zentrale wirtschaftliche, kulturelle und andere Einrichtungen) charakterisierte Raumeinheit.

Die Abgrenzung der Einzugsgebiete zentraler Orte untereinander - das heißt die Ermittlung der Grenzlinien zwischen den Versorgungsbereichen der konkurrierenden Zentren - erfolgt strukturell nach der Intensität, Komplexität und Reichweite der jeweiligen Stadt-Umland-Beziehungen. Für die Ausprägung der Stadt-Umland-Beziehungen sind dabei als wesentliche Einflussfaktoren verantwortlich:

die unterschiedliche Häufigkeit oder der unterschiedliche Grad der Beanspruchung von Leistungen im Zentrum und im Umland zur Bedürfnisbefriedigung der Bevölkerung als Ausdruck des Branchenmix sowie Qualität und Quantität der Einzelhandelsverkaufsfläche;
der Typ des städtischen Zentrums (Einordnung in die Zentrenhierarchie);
die Struktur des Umlandes, hierbei insbesondere in Bezug auf Lage und Typ der dem Hauptzentrum benachbarten Zentren sowie
die Verkehrsanbindung (regional und überregional) und Erreichbarkeit des Zentrums.
Als Merksatz gilt: Je größer die Zentralität eines Ortes ist, desto größer ist die Sogkraft auf die Kaufkraft im Umland.

6 Fazit
Die Bestimmung des Einzugsgebiets ist in verschiedenen Abstufungen möglich, von zahlreichen Faktoren abhängig und kann durch unterschiedliche Verfahren berechnet werden. Die räumliche Ausdehnung sowie etwaige Veränderungen des Einzugsgebietes sind für die Beurteilung der Entwicklungschancen im Einzelhandel von elementarer Bedeutung. Deshalb ist es für einen Einzelhändler unerlässlich, sein Einzugsgebiet genau zu kennen – egal ob für bestehende oder neue Standorte.

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