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Reinvestitionen finanzieren

Eine Abschreibung ist eine buchhalterische Hilfsgröße, die die Wertminderung einer bilanziellen Vermögensposition auf ihre Nutzungsdauer verteilt. Sowohl materielle wie auch immaterielle Güter (Softwarelizenzen, Kundenforderungen) sind abzuschreiben. Die jährlichen Abschreibungen reduzieren als Kostengröße das Betriebsergebnis, sind jedoch keine Ausgabe. Die Abschreibungen verbleiben im Unternehmen und stehen als Finanzierungsquelle zur Verfügung.

1 Bilanzieller Hintergrund
Abschreibungen reduzieren als Aufwand den in der Handelsbilanz und als Betriebsausgabe den in der Steuerbilanz ausgewiesenen Gewinn. Dieser bestimmt wiederum maßgeblich Mittelabflüsse durch die Steuerlast sowie die Ausschüttungen an Gesellschafter bzw. die Entnahmen der Eigentümer. Die Wahl der Abschreibungsmethode - also die Entscheidung über den Abschreibungsverlauf - und die Schätzung der betrieblichen Nutzungsdauer beeinflussen das Betriebsergebnis massiv.

Durch Abschreibungen wird eine Desinvestition vollzogen, die bilanziell einen Aktivtausch darstellt: Liquide Mittel, die zunächst in dem Anlagegut gebunden sind, werden durch die Abschreibungen freigesetzt und so schrittweise wieder in liquide Mittel überführt.

Im Gegensatz zu den Überlegungen zu Abschreibungen aus Selbstfinanzierung gehen die folgenden Überlegungen zunächst grundsätzlich von Annahme aus, dass die Abschreibung analog der Wertminderung erfolgt.

2 Sparen für künftige Investitionen
Soweit der Einzelhandelsbetrieb in seinem Status quo aufrechterhalten wird, sind mit Ablauf der Nutzungsdauer die Wirtschaftsgüter durch Ersatzinvestitionen auszutauschen. Abschreibungen dienen im Laufe der Nutzungsdauer dazu, diese Mittel als Reinvestition bereitzustellen.

Da jedoch Anschaffungszeitpunkt und -kosten sowie die jeweilige Nutzungsdauer aller Güter in einem Unternehmen in praxi stark auseinander fallen, ist es kaum sinnvoll, dass die Abschreibungen für den einzelnen Posten nur für dessen Ersatzbeschaffung reserviert werden. Es muss vielmehr für den Betrieb insgesamt gewährleistet werden, dass Abschreibungen und Investitionen in einer planvollen Abstimmung in Einklang gebracht werden.

3 Erweiterungsinvestitionen finanzieren
Auch für zusätzliche („Netto“-)Investitionen zur Betriebserweiterung kann es sinnvoll sein, als Finanzierungsquelle die Abschreibungen auf vorhandenes Anlagevermögen heranzuziehen. Dies kann beispielsweise durch den technischen Fortschritt ermöglicht werden, wenn die künftigen Kosten der Ersatzinvestition unter denen der alten Anlage sein werden.

Aufgrund der Tatsache, dass häufig hochwertige Anlagen - wie beispielsweise Immobilien - über ihre steuerliche Nutzungsdauer hinaus ihren Dienst verrichten, können deren Abschreibungen ohne weiteres für die Finanzierung von Investitionen während ihrer Nutzungsdauer herangezogen werden. Dies erfordert jedoch einen langfristigen Investitions- und Finanzierungsplan, der das finanzielle Gleichgewicht des Unternehmens gewährleistet.

4 Der Lohmann-Ruchti-Effekt
Dieser Kapitalfreisetzungseffekt nutzt die Tatsache, dass in den Erträgen des Unternehmens der Abschreibungswert für die Anlagennutzung früher vergütet wird, als er für die verschleißbedingte Erneuerung der Anlagegüter benötigt wird, von denen die Abschreibungsbeträge stammen. Durch die jährlichen Abschreibungen verbleiben im Unternehmen Finanzierungsmittel, die erst zum Ende der Nutzungsdauer wieder investiert werden.

Ein Beispiel: Ein Unternehmen eröffnet jährlich eine neue Filiale und erwirbt hiefür jedes Jahr eine neue EDV-Kasse. Diese kostet 1.000 Euro und wird über fünf Jahre abgeschrieben, so dass die Abschreibungen 200 Euro p. a. betragen.

Jahr

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

2010

2011

Filiale 1

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

Filiale 2

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

Filiale 3

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

Filiale 4

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

Filiale 5

200 €

200 €

200 €

200 €

200 €

Summe der jährlichen
Abschreibungen

200 €

400 €

600 €

800 €

1.000 €

1.000 €

1.000 €

1.000 €

1.000 €

liquide Mittel

200 €

600 €

1.200 €

2.000 €

3.000 €

3.000 €

3.000 €

3.000 €

3.000 €

Reinvestition

1.000 €

1.000 €

1.000 €

1.000 €

1.000 €

freie Mittel

200 €

600 €

1.200 €

2.000 €

2.000 €

2.000 €

2.000 €

2.000 €

2.000 €


In den ersten Jahren beträgt der jährliche Kapitalbedarf 1.000 Euro, die durch Fremdfinanzierung aufgebracht werden. Nach fünf Jahren muss die erste Kasse ersetzt werden, nach sechs Jahren die zweite, usw. Die Ersatzinvestitionen belaufen sich nach fünf Jahren genau auf die Höhe des Mittelzuflusses durch Anschreibungen. Die freien Mittel stehen dem Unternehmen zur Tilgung der Verbindlichkeiten oder für Erweiterungsinvestitionen zur Verfügung. Diese theoretische Betrachtung vernachlässigt - der Einfachheit halber - die Verzinsung der ursprünglichen Fremdfinanzierung.

5 Die Tücken dieser Finanzierungsform
Die Innenfinanzierung durch Abschreibungen arbeitet mit einer Reihe von Unwägbarkeiten sowie vor allem mit der Unterstellung, dass die Investitionen durch künftige Erträge grundsätzlich rentabel sind. Fließen dem Unternehmen keine Finanzmittel zu, können diese in der Folge auch nicht durch Abschreibungen an das Unternehmen gebunden werden.

Des Weiteren muss gerade der Reinvestitionsansatz das Risiko berücksichtigen, dass die Ersatzinvestition höhere Ausgaben verursacht als die alte Anlage.

Zudem werden in Zeiten schlechter Betriebsergebnisse diese Quellen nicht selten zur Finanzierung des Umlaufvermögens (Ware, Forderungen) oder gar für Fehlbeträge herangezogen. Man trifft dann auf einen Investitionsstau, wenn Unternehmen die Abschreibungen nicht zur Reinvestition einsetzten und nunmehr weder Abschreibungspotenzial noch liquide Mittel vorhanden sind.

6 Fazit
Den Fehlentwicklungen ist durch eine fundierte Anlagenbuchhaltung in Verbindung mit einem mittelfristigen Investitions- und Finanzierungsplan entgegenzuwirken.

Weiterführender Literaturhinweis:
Wöhe, Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre.





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