Liquiditätsindikatoren

Zahlungsunfähigkeit verhindern

Ein Einzelhandelsunternehmen ist existenziell darauf angewiesen, kurzfristig fällige Schulden auch kurzfristig begleichen zu können. Der Liquiditätsgrad ist die entscheidende Kennziffer zur Beurteilung der finanziellen Leistungsfähigkeit. Die Zahlungsunfähigkeit ist neben der Verschuldung der wesentliche Insolvenzgrund.

1 Liquiditätsgrad
Als ernstes Krisensignal ist zu werten, wenn die kurzfristigen Verbindlichkeiten höher sind als das Umlaufvermögen.

Ein Liquiditätsgrad über 200 Prozent weist auf eine hervorragende Liquiditätslage hin. Ein Liquiditätsgrad von 100 Prozent gilt als das Minimum für eine krisensichere Finanzierung. Ein Liquiditätsgrad von unter 90 Prozent gilt als existenzgefährdend.

Für eine weitere Verbesserung ist neben den Werten aus der Bilanz und/oder weiterer betriebswirtschaftlicher Auswertungen auch die Möglichkeiten zu prüfen, ob die kurzfristigen Verbindlichkeiten in mittel- oder langfristige Verbindlichkeiten umgeschuldet oder der gesamte Kreditrahmen erweitert werden kann.

Zusätzlich ist zu prüfen, ob der von den Kreditinstituten eingeräumte Kreditrahmen bereits ausgeschöpft ist. Dieser Kreditrahmen ist jährlich oder zweijährig entsprechend der Unternehmensentwicklung gemeinsam mit der Hausbank zu überprüfen und den Veränderungen anzupassen.

Liquiditätsreserven liegen oftmals im Warenlager und bei den Forderungen.

2 Liquiditätsreserven im Warenlager
Die Liquiditätsreserven im Warenlager lassen sich mit einer Modellrechnung bestimmen (siehe auch Kapitel „Regeln“). Der durchschnittliche Warenbestand wird mit 400.000 Euro unterstellt. Der Lagerumschlag (LUG) beträgt 2,8 mal und entsprechend die Lagerdauer 129 Tagen (360 / 2,8). Die Kollegenbetriebe erreichen einen Lagerumschlag von 3,3 mal bzw. weisen eine Lagerdauer von 109 Tagen aus. Im ersten Schritt soll die Lagerdauer um 9 Tage verbessert werden. Der Warenbestand je Tag berechnet sich mit 3.100 Euro (400.000 / 129). Wird ein Lagerumschlag von 3,0 mal geplant, dann sinkt die Lagerdauer auf 120 Tage. Durch die Verringerung der Lagerdauer um 9 Tage wird die Liquidität um 27.900 Euro verbessert (9 x 3100).

3 Liquiditätsreserven bei den Forderungen
Die Liquiditätsreserven bei den Forderungen werden über die Ermittlung der Geldeingangsdauer bzw. der Kundenkreditdauer und der Gegenüberstellung der eigenen Kennziffern mit Branchenvergleichswerten festgestellt.

Optimal ist die Berechnung des durchschnittlichen Forderungsbestands aus der Eröffnungsbilanz und den 12 Beständen zu Ultimo jeden Monats, um die sehr unterschiedlichen Bestandshöhen zu dokumentieren. Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass der aus dreizehn Beständen berechnete, durchschnittliche Forderungsbestand nach dieser Ermittlungsmethode wesentlich höher liegt als der statistische Durchschnitt aus den beiden letzten Bilanzwerten. Dies hat insbesondere eine Bedeutung bei der Berechnung des Kapitalbedarfs und der Zwischenfinanzierung der Kundenforderungen über den Kontokorrentkredit, da ein zu niedriger Ansatz von vornherein zu einem Liquiditätsengpass führen kann.

Zu beachten ist: Die Forderungen und damit auch die Zwischenfinanzierung beinhalten die in der Rechnung ausgewiesene Mehrwertsteuer. Konsequent muss der Gesamtumsatz bzw. der Kreditumsatz ebenfalls einschließlich der Mehrwertsteuer in der oben genannten Formel eingesetzt werden.

Die Liquiditätsreserven lassen sich mit einer Modellrechnung bestimmen: Der durchschnittliche Forderungsbestand wird mit 300.000 Euro unterstellt. Der Kreditumsatz beträgt 2.300.000 Euro. Die Kundenkreditdauer berechnet sich mit 47 Tagen (300.000 x 360 / 2.300.000). Der Forderungsbestand je Tag ist folglich 6.383 Euro (300.000 / 47). Durch die Verringerung der Kundenkreditdauer um 7 auf 40 Tage verringert sich der Forderungsbestand um 44.750 Euro. Bei einem Kreditumsatzanteil von über 60 Prozent vom Gesamtumsatz sollte die Kundenkreditdauer unter 40 Tagen liegen.

4 Cashflow
Der Cashflow ist die Kerngröße der finanzwirtschaftlichen Analyse. Er wird definiert als Saldo von Zu- und Abflüssen von Zahlungsmitteln in einer Planungsperiode. Letztlich zeigt der Cashflow die Selbstfinanzierungskraft eines Unternehmens auf. Wären alle Positionen des Jahresabschlusses zahlungswirksam, wäre der Cashflow mit dem Jahresüberschuss identisch.

Ziel der Cashflow-Betrachtung ist es, einen einheitlichen Maßstab zur Beurteilung eines Unternehmens anzulegen. Losgelöst von der vielfach vom Investitionsverhalten oder durch steuerliche Aspekte geprägten Ergebnisrechnung wird hier der tatsächliche Liquiditätsüberschuss eines Unternehmens betrachtet.

So werden ergebnismindernde, jedoch ausgabeneutrale Aufwendungen dem Cashflow hinzugerechnet (zum Beispiel die Abschreibungen), während ergebnisneutrale, jedoch ausgabenrelevante Aufwendungen abgezogen werden (zum Beispiel die Privatentnahmen beiPersonengesellschaften).

Zumindest den Abschreibungen stehen keine direkten Zahlungswirkungen gegenüber, so dass eine Korrektur des Jahresüberschusses um diesen Betrag erfolgen muss. Ebenso werden die Veränderungen der langfristigen Rückstellungen nicht unmittelbar zahlungswirksam. Die Zuführung zu den Rückstellungen dient nur der periodengerechten Zuordnung der späteren Aufwendungen.

Die zwingende Notwendigkeit, die Schulden tilgen und Zinsverbindlichkeiten erfüllen zu können (Gesamtschuldendienst), gilt für alle Unternehmen, unabhängig ihrer Größe oder Branchenzugehörigkeit. Zur Beurteilung der Kreditfähigkeit ist der Cashflow daher branchenübergreifend zu betrachten. Einzelhandelsspezifische Besonderheiten sind zu berücksichtigen. So ergeben sich beispielsweise aus der vergleichsweise geringeren Anlagenintensität andere Anforderungen als für einen Produktionsbetrieb. Dafür hat ein Einzelhandelsunternehmen einen wesentlich höheren Kapitalbedarf für sein Warenlager.

Um darüber hinaus auch die steuerlichen Einflüsse aus der Wahl der Unternehmensform zu neutralisieren, wird der Netto-Cashflow berechnet, das heißt der Cashflow nach Ertragsteuern.

Besonderheiten: Der Bilanzgewinn einer Personengesellschaft ist um den Unternehmerlohn zu reduzieren, da zum Beispiel bei Kapitalgesellschaften die Vergütungen für die Geschäftsführung als Teil der (Fremd-)Personalkosten enthalten sind.

Ferner sind die Abschreibungen auf Gebäude aus den Gesamtabschreibungen herauszurechnen, um eine Vergleichbarkeit zu gewähren, denn viele Einzelhandelsunternehmer betreiben ihr Geschäft in gemieteten Räumen. Eigentümer sind entweder fremde Dritte, Familienangehörige oder auch der Unternehmer selber. Andere Unternehmer haben die genutzten Gebäude bilanziert. Diese unterschiedlichen Gegebenheiten sollen neutralisiert werden.

Bilanzgewinn
+ Abschreibungen
+ Zuführungen zu Rückstellungen
+/- Rücklagenzuführung/-auflösung
– Privatentnahmen
– private Steuern
= Netto-Cashflow
Der Cashflow wird sowohl als Betrag als auch in Prozent vom Netto-Umsatz ausgedrückt. Ein befriedigender Wert liegt zwischen 1,0 bis 2,0 Prozent.

5 Dynamischer Verschuldungsgrad
Der dynamische Verschuldungsgrad gibt an, wie lange ein Unternehmen benötigt, um aus seinem Cashflow seine Finanzschulden zu tilgen. Je kürzer die Zeitspanne ist, in der die Finanzschulden getilgt werden, desto besser ist es um die Sicherheit der Schulden bestellt. Insofern nimmt der dynamische Verschuldungsgrad eine wichtige Rolle bei der Beurteilung der Bonität eines Unternehmens ein.

Als optimal ist ein Verschuldungsgrad von 3 bis 4. In der Regel wird der Verschuldungsgrad für die letzten drei Jahre berechnet. Hier erkennt der Unternehmer, ob sich im Zeitvergleich dieser drei Jahre der Verschuldungsgrad verbessert oder verschlechtert hat.

6 Fazit
Zu den wichtigsten Liquiditätsindikatoren gehören der Liquiditätsgrad, die Liquiditätsreserven im Warenlager und bei den Forderungen, der Cashflow und der dynamische Verschuldungsgrad. Kontrolliert ein Einzelhändler diese Größen regelmäßig, vermindert er die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit.






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