Rating

Kein Kredit ohne Bewertung

Ein Thema, das derzeit in der Szene heiß diskutiert wird, ist das Rating von Handelsbetrieben. Gerade in diesem bedeutenden Wirtschaftszweig ist die Finanzierung der Engpassfaktor im Wertschöpfungsprozess schlechthin. Bedingt durch das hohe Maß an Vorfinanzierung, die Ausfallrisiken und die zyklische Leistungserstellung ist der Handel auf die Zwischen- und Spitzenfinanzierung seiner Warenströme angewiesen. Zudem hat jahrzehntelange scharfe Konkurrenz dazu geführt, dass die Finanzierung rein aus Eigenmitteln in den wenigsten Betrieben zu bewältigen ist.

Verständlicherweise verfolgt der Handel mit großer Sorge die Diskussionen um die Baseler Rating-Beschlüsse. Wenn sich auch durch die Zulassung bankinterner Ratingverfahren das Problem etwas entschärft hat, ist es doch nicht aus der Welt geschafft. Noch viel zu häufig werden Handelsunternehmen an Maßstäben aus anderen Wirtschaftsbereichen gemessen. Handels- und branchenspezifische Kriterien werden ebenso wenig berücksichtigt wie eine realistische Einschätzung zukünftiger Entwicklungen.

1 Definition und Bedeutung von Rating
Rating ist ein standardisiertes und objektivierendes Urteil über die Fähigkeit eines Unternehmens, finanzielle Verpflichtungen vollständig und fristgerecht zu erfüllen - mit dem Ziel, Wahrscheinlichkeiten über den Eintritt von Leistungs- und Zahlungsstörungen während der Kreditlaufzeit abzuleiten. Rating ist quasi ein Zeugnis, in dem die Kreditwürdigkeit eines Schuldners benotet wird.

Im engeren Sinne wird der Begriff geprägt durch international bedeutende Agenturen, die sich auf die Einstufung von Schuldnern spezialisiert haben. Mittels Buchstabenkombinationen oder Symbolen wird die Fähigkeit von Schuldnern beurteilt, ihren Zahlungsverpflichtungen jetzt und auch in Zukunft nachkommen zu können. Der Begriffsinhalt ist nun Grundlage für die Einführung von Rating auf breiter Linie in Deutschland und anderen führenden Industrienationen.

Im internationalen Vergleich sind deutsche Unternehmen relativ schwach mit Eigenkapital ausgestattet. Untersuchungen des Sparkassenverbandes ergaben, dass die durchschnittliche Eigenkapitalquote des Mittelstandes bei 7% liegt; bei Betrieben bis 1 Million Euro beträgt sie lediglich 3,3%.

Bisher wurde es in Deutschland nur in wenigen Fällen als notwendig erachtet, dass sich ein Unternehmen einem Rating im engeren Sinne unterzog, da die langfristigen Finanzierungsmittel vornehmlich aus dem Bankensektor kamen und beispielsweise nicht über Anleihen von anderen Kapitalgebern beschafft wurden.

Das verhältnismäßig überschaubare Beziehungssystem Bank/Kreditnehmer trug mit dazu bei, dass die Banken die Bonität des Kreditnehmers anhand von mehr oder weniger selbst aufgestellten Beurteilungskriterien bewerteten, um damit je nach Risikograd die erforderliche Zinshöhe zu kalkulieren.

Mit der Entwicklung des Neunen Marktes der von breiten Bevölkerungskreisen mitfinanziert worden ist, ist nun auch ein kritischeres Bewusstsein hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens eingetreten.

2 Entwicklung von Basel II
Damit einher geht das in den letzten Jahren erwachte Interesse an Rating, das unmittelbar mit der Stadt Basel verbunden wird. Basel ist Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Diese Bank koordiniert den Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, ein Zusammenschluss der Aufsichtsgremien der wichtigsten Industrieländer. Der Ausschuss hatte im Jahr 1988 einheitliche Richtlinien für die Eigenkapitalausstattung international tätiger Banken erlassen.

Der Baseler Ausschuss setzt sich aus Vertretern von Zentralbanken und Bankenaufsichtsbehörden aus den führenden Industrienationen zusammen. Zu den Mitgliedern zählen für die deutsche Seite ein Vertreter des Bundesaufsichtsamts für das Finanzwesen und ein Vertreter der Bundesbank. Der Ausschuss ist ein informelles Beratungsgremium; seine Empfehlungen werden voraussichtlich über die EU-Ebene in nationales Recht umgesetzt.

Die Banken sind verpflichtet, ihre aus dem Kreditgeschäft resultierenden Risikoaktiva mit einer festgelegten Quote an Bank-Eigenkapital zu unterlegen, die derzeit 8% beträgt. Diese Quote variiert in Abhängigkeit von der Risikoklasse, in die der jeweilige Kreditnehmer einzustufen ist. Diese starre Verpflichtung soll jetzt aufgrund eines Vorschlags des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht geändert werden (Stichwort: Basel II). Ziel der Reform ist die weitere Stabilisierung des internationalen Finanzsystems.

3 Bedeutung externer Ratings
Mittelfristig ist davon auszugehen, dass Banken tendenziell keine Kredite mehr ohne Rating vergeben werden. Mittelständische Betriebe werden sie hauptsächlich, so auch aus Kostengründen, selber raten. Dabei ist noch offen, inwieweit Banken externe Ratings überhaupt anerkennen.

Auf jeden Fall werden auch externe Ratings benötigt werden. Anlass dazu muss nicht immer augenblicklicher Kreditbedarf sein, sondern die Überprüfung der aktuellen Bonität eines Unternehmens an sich. Sie werden insbesondere dann auf das Urteil einer anerkannten Ratingagentur angewiesen sein, wenn sie sich des Kapitalmarktes bedienen wollen. Ferner wird durch die Objektivität einer neutralen Stelle eine weitere Aufnahme von Fremdmitteln erleichtert oder auch der Wechsel zu einer anderen Bank.

Ein nicht unbeachtlicher Aspekt des externen Ratings ist, dass es durch die Aufdeckung von Schwachstellen eine Fülle von Beratungsansätzen in finanzieller, organisatorischer und strategischer Hinsicht liefern kann. Schon die daraus gewonnen Erkenntnisse können bereits den Einsatz einer Ratingagentur rechtfertigen. Ein darauf folgender Mängelabbau verbessert das Beurteilungsbild bei der Hausbank. Aber auch einem bankinternen Rating mit einem möglicherweise negativen Ausgang für das Unternehmen kann so vorgebeugt werden.

Der Zeitplan für Basel II sieht folgende Termine vor:
• Mai 2003: Veröffentlichung 3. Konsultationspapier
• Oktober 2003: Annahme Basel II durch Basel-Ausschuss
• Februar 2004: Richtlinienvorschlag der EU-Kommission
• 01.01.2006: Inkrafttreten Basel II mit 1-jähriger Einführungsphase

Die folgenden Grafiken fassen in Kürze die zukünftigen Anforderungen aufgrund von Basel II für mittelständische Unternehmen zusammen und geben stichpunktartige Empfehlungen zur internen und externen Strategien um durch Basel II auch zu profitieren.

Anforderungen an mittelständische Unternehmen

• Realisierung von Einsparungspotenzialen
• Vermeidung erhöhter Kapitalkosten
• Nutzung neuer und klassischer Alternativen zum Bankkredit
• Veränderte Anforderungen der Kreditvergabe von Banken
• Informations- und Kommunikationserfordernisse des Kapitalmarktes  

Stärkere Betrachtung des Finanzbereichs

Verbesserung der Unternehmenstransparenz 


Höhere Flexibilität bei der Umstrukturierung der Unternehmensfinanzierung

Verstärkte Eigeninitiative bei der Informationseinholung

Nach innen:
»
 Verbesserung im Rechnungswesen und Controlling
» klare Steuerungs- und Organisations-strukturen

Nach außen:
» Intensive Weitergabe von Firmendaten an Kapitalgeber
» Offenlegung von Unternehmensstrategien

Die richtige Strategie (intern)
  • Konsequente Schwachstellenbeseitigung
  • Stärkere Zukunftsausrichtung
  • Stärkere Mitarbeiterintegration bei Entscheidungsprozessen
  • Unternehmenskontinuität sichern
  • Eigenkapitalquote (Killerkriterien bei Rating) ausbauen
  • Ziele setzen (Strategiekonzept)


Die richtige Strategie (extern)
  • Offene Politik gegenüber Banken 
  • Vertrauensverhältnis aufbauen 
  • Nur Planungen und Konzepte einreichen, die relistisch erreicht werden können 
  • Bei Planabweichungen rechtzeitig informieren 
  • Aktiv auf banken zugehen und Zusatzinformationen liefern (z.B. über die Branche etc.) 
  • Absolute Transparenz (z.T. bis in das Privatvermögen)


4 Fazit
Einzelhandelsunternehmen sollten die schärferen Prüfungen nicht nur als Gefährdung der Finanzierung sehen. Man kann sie durchaus als Chance begreifen, den eigenen Prozess der Leistungserstellung kritisch zu hinterfragen und eine bessere Kommunikation zu seinem Kreditinstitut aufzubauen. Noch besser ist es jedoch, wenn sich der Unternehmer im Vorfeld eines Ratings intensiv mit seinem Betrieb beschäftigt. Wer so seine eigenen Schwachstellen erkennt, optimiert nicht nur seine Betriebsabläufe und letztlich seine Rentabilität, sondern schneidet auch im Ratingverfahren besser ab. Und das kann künftig von Banken durch bessere Konditionen belohnt werden.

Waren die Kreditinstitute bislang in Sachen Kreditkonditionen nicht sehr gesprächsbereit, so können in Zukunft Unternehmen mit einem guten Rating hiervon auch profitieren. Die Möglichkeiten für gute Unternehmen, günstige Kreditkondition zu erlangen, werden größer. Aber mit der kritischen Analyse der Unternehmen darf nicht zu lange gewartet werden. Zwar wird Basel II erst im Jahre 2006 in Kraft treten, doch die Kreditinstitute nehmen schon jetzt schärfere Prüfungen vor.






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